Cine­ma­tic Look: So bekommst Du den Film­look in Deine Fotos

Es gibt Fotos, die sehen aus wie ein Stand­bild aus einem Kino­film. Brei­tes For­mat, wei­che Licht­kan­ten, satte, aber nie knal­lige Far­ben, ein Motiv, das aus einem leicht ver­schwom­me­nen Hin­ter­grund her­aus­tritt, und die­ses unde­fi­nier­bare Gefühl, dass gleich etwas pas­siert. Genau das ist der Cine­ma­tic Look, und die gute Nach­richt: Du brauchst dafür weder ein Film­set noch ein Ver­mö­gen. Mit einer MFT-Kamera, einem licht­star­ken Objek­tiv und ein paar bewuss­ten Ent­schei­dun­gen bei Auf­nahme und Bear­bei­tung kommst Du erstaun­lich nah heran. In die­sem Bei­trag zei­gen wir Dir, was den Film­look aus­macht, wel­che Ein­stel­lun­gen und Objek­tive Dir dabei hel­fen und wie Du in der Nach­be­ar­bei­tung den letz­ten Schliff hin­be­kommst.

Cinematic Look - So bekommst Du den Filmlook ins Foto
Cine­ma­tic Look - So bekommst Du den Film­look ins Foto

Was macht den Cine­ma­tic Look eigent­lich aus?

Der Cine­ma­tic Look ist keine ein­zelne Ein­stel­lung, son­dern die Summe aus 5 Zuta­ten: ein brei­tes Sei­ten­ver­hält­nis, geringe Schär­fen­tiefe, gezielte Licht­füh­rung, eine kon­trol­lierte Farb­pa­lette und eine Bild­kom­po­si­tion, die eine Geschichte andeu­tet. Fehlt eine Zutat, wirkt das Bild schnell wie­der wie ein nor­ma­les Foto.

Der Grund, warum wir diese Bild­spra­che sofort als „fil­misch“ erken­nen, ist Gewohn­heit. Wir haben Tau­sende Stun­den Kino und Serien gese­hen, und unser Gehirn hat gelernt, wel­che Merk­male dazu­ge­hö­ren. Die Bild­spra­che, die Du in Fil­men siehst, folgt fes­ten Kon­ven­tio­nen: Filme wer­den in 2,39:1 oder 1,85:1 gedreht, meist mit offe­ner Blende und licht­star­ken Fest­brenn­wei­ten, das Licht kommt sel­ten fron­tal, und die Far­ben sind in der Post­pro­duk­tion auf­ein­an­der abge­stimmt. Wenn Du diese Kon­ven­tio­nen in Deine Foto­gra­fie über­nimmst, ent­steht auto­ma­tisch der Kino-Ein­druck.

[Bild: Ver­gleich des­sel­ben Motivs als nor­ma­les 3:2-Foto und als 2,39:1-Ausschnitt mit Gra­ding – Bild­un­ter­schrift: „Cine­ma­tic Look: Glei­ches Motiv, andere Wir­kung“]

Wel­che Aus­rüs­tung brauchst Du für den Film­look?

Für den Cine­ma­tic Look brauchst Du eine Kamera mit manu­el­len Ein­stel­lun­gen, ein licht­star­kes Objek­tiv mit Blende f/1.8 oder grö­ßer und ein Bear­bei­tungs­pro­gramm, das Farb­kor­rek­tur beherrscht. Ein Smart­phone reicht für erste Ver­su­che, eine MFT-Kamera gibt Dir aber deut­lich mehr Kon­trolle.

Die rich­tige MFT-Kamera für den Cine­ma­tic Look

Micro Four Thirds hat im Videobe­reich einen exzel­len­ten Ruf, und davon pro­fi­tierst Du auch beim Foto­gra­fie­ren. Die Pana­so­nic GH-Serie und die G9 bie­ten Foto­stile wie „Cine­like D“ oder „L.Monochrome“, die schon aus der Kamera einen fla­chen, fil­mi­schen Kon­trast lie­fern. OM Sys­tem und Olym­pus haben mit den Art-Fil­tern und dem „Dra­ma­tic Tone“ eben­falls Werk­zeuge an Bord. Wich­ti­ger als das Modell ist, dass Du in RAW foto­gra­fierst, denn der eigent­li­che Film­look ent­steht in der Bear­bei­tung, und dafür brauchst Du die volle Bild­in­for­ma­tion.

Ein Vor­teil von MFT gerade für die­ses Thema: Viele Kame­ras bie­ten das Sei­ten­ver­hält­nis 16:9 direkt im Menü an, man­che Pana­so­nic-Modelle sogar 2,39:1 als Anzei­ge­maske. So siehst Du beim Foto­gra­fie­ren schon, wie der Aus­schnitt spä­ter wirkt.

Das pas­sende Objek­tiv für den Film­look

Für den Cine­ma­tic Look eig­nen sich licht­starke Fest­brenn­wei­ten zwi­schen 20 und 45 Mil­li­me­tern (ent­spricht 40 bis 90 mm Klein­bild), weil sie die geringe Schär­fen­tiefe und die natür­li­che Per­spek­tive lie­fern, die Du aus dem Kino kennst. Klas­si­ker im MFT-Sys­tem sind das Pana­so­nic Leica 25 mm f/1.4, das Olym­pus 45 mm f/1.8 und das Pana­so­nic 42,5 mm f/1.7.

Die Brenn­wei­ten sind kein Zufall. Im Kino wer­den Dia­log­sze­nen meist mit 35- bis 85-mm-Objek­ti­ven (Klein­bild) gedreht, weil sie Gesich­ter natür­lich abbil­den und den Hin­ter­grund trotz­dem weich wer­den las­sen. Umge­rech­net auf MFT lan­dest Du bei 17 bis 42 Mil­li­me­tern. Weit­win­kel unter 14 mm wir­ken dage­gen schnell doku­men­ta­risch, lange Tele­ob­jek­tive ver­dich­ten den Raum so stark, dass die Tiefe ver­lo­ren geht.

Wer den Look auf die Spitze trei­ben will, greift zu einem ana­mo­r­pho­ti­schen Objek­tiv. Modelle von Sirui, SLR Magic oder Laowa gibt es für MFT ab etwa 500 Euro. Sie erzeu­gen die typi­schen hori­zon­ta­len Licht­strei­fen (Fla­res) und ein ova­les Bokeh, das man sonst nur aus Kino­pro­duk­tio­nen kennt. Für den Ein­stieg brauchst Du das nicht, aber es ist der schnellste Weg zu einem Bild, das nie­mand für ein nor­ma­les Foto hält.

Cine­ma­tic Look – 5 Tipps für die Auf­nahme

Der Film­look ent­steht zu etwa 60 Pro­zent bei der Auf­nahme und zu 40 Pro­zent in der Bear­bei­tung. Wenn Licht, Blende und Kom­po­si­tion nicht stim­men, ret­tet kein Gra­ding das Bild. Hier sind die 5 Ein­stel­lun­gen, auf die es ankommt:

1. Tipp: Foto­gra­fiere für das breite For­mat

Denk beim Foto­gra­fie­ren schon an den spä­te­ren Aus­schnitt. Das Stan­dard­for­mat 4:3 von MFT wird beim Zuschnitt auf 2,39:1 oben und unten stark beschnit­ten, Du ver­lierst rund 45 Pro­zent der Bild­höhe. Lass des­halb beim Kom­po­nie­ren oben und unten bewusst Luft und plat­ziere Dein Motiv nicht zu nah am obe­ren oder unte­ren Rand. Falls Deine Kamera 16:9 oder eine Kino­maske anbie­tet, schalte sie ein.

2. Tipp: Blende weit auf, aber nicht ganz

Geringe Schär­fen­tiefe ist die auf­fäl­ligste Zutat des Film­looks, aber ganz offene Blende ist sel­ten die beste Wahl. Bei f/1.4 sind bei einem Por­trait oft nur die Wim­pern scharf, die Nase schon nicht mehr. Blende auf f/2 bis f/2.8 ab, dann bleibt das Gesicht scharf und der Hin­ter­grund trotz­dem weich. Bei MFT ent­spricht das unge­fähr f/4 bis f/5.6 an Klein­bild, was ziem­lich genau der Arbeits­blende vie­ler Kame­ra­leute ent­spricht.

3. Tipp: Nutze Sei­ten- und Gegen­licht

Kino­licht kommt fast nie von vorne. Posi­tio­niere Deine Licht­quelle, ob Sonne, Fens­ter oder Lampe, seit­lich oder schräg hin­ter dem Motiv. Sei­ten­licht erzeugt Schat­ten, die Gesich­tern und Objek­ten Plas­ti­zi­tät geben. Gegen­licht sorgt für eine leuch­tende Kante an Haa­ren und Schul­tern, den soge­nann­ten Rim Light, der das Motiv vom Hin­ter­grund löst. Die gol­dene Stunde kurz nach Son­nen­auf­gang und vor Son­nen­un­ter­gang lie­fert die­ses Licht kos­ten­los, mehr dazu fin­dest Du in unse­rem Bei­trag zur Land­schafts­fo­to­gra­fie.

[Bild: Por­trait im Gegen­licht mit Haar­kante – Bild­un­ter­schrift: „Rim Light: Das Gegen­licht löst das Motiv vom Hin­ter­grund“]

4. Tipp: Belichte etwas dunk­ler

Filme sind fast immer dunk­ler belich­tet als typi­sche Fotos. Die Lich­ter sind nie aus­ge­brannt, die Schat­ten haben Zeich­nung, aber die Gesamt­stim­mung ist einen hal­ben bis gan­zen Blen­den­wert unter dem, was die Kame­ra­au­to­ma­tik vor­schlägt. Stell die Belich­tungs­kor­rek­tur auf −0,3 bis −0,7 und schau, wie sich die Stim­mung ändert. In RAW kannst Du spä­ter immer noch auf­hel­len, aus­ge­brannte Lich­ter dage­gen sind ver­lo­ren.

5. Tipp: Erzähle mit dem Bild­aus­schnitt eine Geschichte

Ein fil­mi­sches Bild deu­tet immer etwas an: einen Blick aus dem Bild her­aus, eine Bewe­gung, eine Per­son, die etwas beob­ach­tet, ein Detail im Vor­der­grund, das die Szene rahmt. Foto­gra­fiere durch Tür­rah­men, Fens­ter, Äste oder über eine Schul­ter. Der unscharfe Vor­der­grund gibt dem Bild Tiefe und den Ein­druck, dass der Betrach­ter die Szene heim­lich mit­ver­folgt. Genau die­ser Effekt macht aus einem Por­trait eine Film­szene.

Far­ben und Gra­ding: So ent­steht der Kino-Look in der Bear­bei­tung

Der Film­look wird in der Bear­bei­tung voll­endet, und zwar durch 3 Schritte: Kon­trast abfla­chen, Far­ben redu­zie­ren und eine Farb­stim­mung set­zen. Pro­gramme wie Ligh­t­room, Cap­ture One, Darktable oder DaVinci Resolve bie­ten dafür alle nöti­gen Werk­zeuge.

Schritt 1: Den Kon­trast abfla­chen

Hebe die Schwarz­werte leicht an, sodass die dun­kels­ten Stel­len nicht mehr rei­nes Schwarz sind, und senke die Lich­ter ab. Das Ergeb­nis ist der „gewa­schene“ Look, den Du aus vie­len Kino­fil­men kennst. In Ligh­t­room erreichst Du das über die Gra­da­ti­ons­kurve: Zieh den unters­ten Punkt der Kurve ein Stück nach oben, den obers­ten ein Stück nach unten.

Schritt 2: Die Far­ben redu­zie­ren

Filme haben nie 20 ver­schie­dene Far­ben im Bild, son­dern meist 2 bis 3, die auf­ein­an­der abge­stimmt sind. Senke die Gesamt­sät­ti­gung um 10 bis 20 Punkte und redu­ziere gezielt die Far­ben, die nicht zur Stim­mung pas­sen, etwa ein grel­les Grün im Hin­ter­grund.

Schritt 3: Eine Farb­stim­mung set­zen

Der bekann­teste Kino-Look ist „Teal and Orange“: Schat­ten ins Blau­grün, Haut­töne und Lich­ter ins Orange. Die bei­den Far­ben lie­gen sich im Farb­kreis gegen­über und erzeu­gen maxi­male Tren­nung zwi­schen Per­son und Umge­bung. In Ligh­t­room nutzt Du dafür die Farb­ab­stim­mung (Color Gra­ding) mit getrenn­ten Reg­lern für Schat­ten, Mit­tel­töne und Lich­ter. Aber Teal and Orange ist nur ein Look von vie­len: Ein war­mes, ent­sät­tig­tes Gelb-Braun wirkt nost­al­gisch, küh­les Blau mit hel­len Haut­tö­nen wirkt wie ein Thril­ler. Am schnells­ten kommst Du mit LUTs oder Film­e­mu­la­ti­ons-Pre­sets zum Ziel, die viele Anbie­ter kos­ten­los bereit­stel­len.

[Bild: Drei­tei­ler vor/nach Kontrast/nach Gra­ding – Bild­un­ter­schrift: „Gra­ding in drei Schrit­ten: Kon­trast, Sät­ti­gung, Farb­stim­mung“]

Das Kino-For­mat als letz­ter Schritt

Zum Schluss schnei­dest Du das Bild auf 2,39:1 oder 2:1 zu. Alter­na­tiv fügst Du schwarze Bal­ken oben und unten ein, die klas­si­sche Let­ter­box. Bei­des funk­tio­niert, die Let­ter­box betont den Kino-Cha­rak­ter stär­ker, der reine Zuschnitt ist für Insta­gram und Web­sites fle­xi­bler. Ein leich­tes Film­korn (Grain) mit 10 bis 20 Pro­zent Stärke nimmt dem digi­ta­len Bild die Glätte und lässt es mehr nach ana­lo­gem Film­ma­te­rial aus­se­hen.

Für wel­che Motive eig­net sich der Cine­ma­tic Look?

Der Cine­ma­tic Look funk­tio­niert bei allen Moti­ven, die eine Geschichte tra­gen kön­nen: Por­traits, Stra­ßen­sze­nen, Land­schaf­ten mit einer Per­son darin, Archi­tek­tur bei Nacht und Tier­fo­to­gra­fie. Er funk­tio­niert weni­ger gut bei Pro­dukt­fo­tos, Makro­auf­nah­men und allem, was neu­tral und doku­men­ta­risch wir­ken soll.

Beson­ders dank­bar sind Por­traits in der Stadt bei Däm­me­rung, weil künst­li­ches Licht von Schau­fens­tern, Stra­ßen­la­ter­nen und Leucht­re­kla­men die typi­schen Farb­kon­traste von selbst mit­bringt. Auch die Hun­de­fo­to­gra­fie pro­fi­tiert: Ein Hund, der im Gegen­licht über eine Wiese läuft, auf­ge­nom­men im brei­ten For­mat mit war­mem Gra­ding, wirkt wie eine Szene aus einem Aben­teu­er­film. Bei Land­schaf­ten wirkt der Look am stärks­ten, wenn ein klei­nes Ele­ment, eine Per­son, ein Auto, ein Haus, die Größe des Raums betont.

Zu guter Letzt: Weni­ger ist mehr

Die häu­figste Falle beim Cine­ma­tic Look ist Über­trei­bung. Zu star­kes Teal and Orange, zu viel Korn, zu fla­che Kon­traste und zu dicke Let­ter­box-Bal­ken machen aus einem fil­mi­schen Bild eine Kari­ka­tur. Fil­misch wirkt ein Foto, wenn der Betrach­ter die Bear­bei­tung nicht bemerkt, son­dern nur das Gefühl hat, dass hier gerade eine Geschichte erzählt wird. Fang mit einem Ele­ment an, etwa dem brei­ten For­mat und offe­ner Blende, und arbeite Dich vor. Wenn Du nach 3 Sekun­den Betrach­tung nicht mehr sagen kannst, was genau das Bild fil­misch macht, hast Du es rich­tig gemacht.

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